Tochter mit Borderline / ADS?

  • Meine Tochter (18) hat seit Jahren furchtbare Ausbrüche. Sie schreit, bezeichnet sich als dumm und unfähig, wirft manchmal mit irgendwelchen Sachen um sich (nachdem einmal ihr Handy zu Bruch ging, sind es jetzt meist Klamotten oder Schuhe), knallt Türen und wirft sich selbst auf dem Boden hin und her. Seit ungefähr vier Jahren kommen dazu noch Suizidgedanken und Selbstverletzung. Für mich zeitlich zur gleichen Zeit sind wir in einen anderen Ort gezogen (Schule blieb gleich), aber ihr Freundeskreis veränderte sich komplett. Sie fing an zu rauchen - bis ich gemerkt habe, dass da nicht nur Tabak im Spiel ist, war sie schon überzeugt, dass das Zeug ihr hilft. Eine ihrer "Freundinnen" hatte da gute Überzeugungsarbeit geleistet... Wir hatten vor fast drei Jahren einen Versuch, bei einem Psychologen Hilfe zu bekommen, das hatte sie dann aber selbst abgebrochen mit der Begründung, es ginge ihr besser. Vor ungefähr einem dreiviertel Jahr sind wir dann wieder zum Psychologen. Dort bekam sie nur Akut-Hilfe, um sich selbst aus den Situationen helfen zu können (was natürlich nicht funktioniert hat - was für mich aber nachvollziehbar ist). Also hat sie wieder den Psychologen gewechselt.

    Und von dort kam vor ein paar Wochen die Diagnose "Borderline". Auch wenn wir jetzt wussten, wonach wir suchen, wenn wir Erklärungen brauchen - meine Tochter hat die Diagnose komplett aus der Bahn geworfen. Letztendlich war sie soweit, sich selbst in die Psychiatrie einzuweisen.

    Ihre Ärztin hat sehr schnell reagiert, heute waren wir beim Vorstellungsgespräch in der Klinik. Sinnigerweise ist ausgerechnet heute ein anderer Patient abgesprungen - und meine Tochter ist ab morgen Patientin in der Tagesklinik, allerdings unter starkem Vorbehalt der Ärztin, weil sie schon so lange Drogen nimmt und sie für die Therapie absolut "clean" sein muss.


    Auch die Diagnose "Borderline" wurde jetzt dann doch wieder kritisch betrachtet. Meine Tochter wurde in der 3. Klasse als ADS-Kind (ohne H) getestet (in einer anderen Klinik), bekam ein paar Jahre sehr niedrig dosiertes Ritalin (mit verblüffenden Erfolgen). Das wurde nach nur zwei Jahren wegen Unverträglichkeit wieder abgesetzt und wieder vier Jahre später bekam sie Medikinet. Der "Erfolg" von Medikinet war nicht ganz so extrem wie beim reinen Ritalin.


    Dass sie früher mit ADS diagnostiziert wurde, könnte darauf hindeuten, dass sie "nur" extrem unter den Begleiterscheinungen von ADS leidet. Suizidgedanken und Selbstverletzung gehen allerdings in eine harte Richtung.

    Nun soll zunächst die depressive Stimmung behandelt werden, nebenbei sollen weitere Tests stattfinden.


    Ich habe heute ein paar Mal mit ihr telefoniert (ich musste nach dem Termin in der Klinik zur Arbeit), da klang sie schwankend zwischen "alles gut, jetzt gehts aufwärts" und "hoffentlich kommt bald jemand nach Hause". Als ich von der Arbeit nach Hause kam... megamäßig schlechte Laune.

    Und ich? Schwanke. Einerseits bin ich erleichtert - ich muss mich nicht wochenlang von meiner Ältesten trennen! Andererseits kann ich nur hoffen, dass sie dem Stress, den die Tagesklinik mit sich bringt, wirklich gewachsen ist. Und ich bin verwirrt... ADS hatte ich - ich hatte ja den Zusammenhang mit meiner Tochter - nie zuvor mit Depressionen oder gar Selbstverletzung in Zusammenhang gebracht.


    Und jetzt... erst mal genug, denke ich...

  • Hi,
    ich wurde als 7jährige auch mit AD(H)S (Mischtyp) diagnostiziert, jetzt mit Borderline. Damals war ich schon ein wenig depressiv, suizidal und verletzte mich selbst. Dann wurde ich auch mit Ritalin vollgepumpt, hat mir aber nicht im geringsten geholfen, weil ich vieles aus Verzweiflung tat und deren Ursache, das invalidierende Umfeld, damit nicht behoben war. Ich erkenne mich in deiner Tochter wieder und sehe in den geschilderten Reaktionen tiefe Verzweiflung, das Gefühl, nicht verstanden zu werden, Minderwertigkeitskomplexe und v.a. Selbsthass.


    Meine Therapeutin sagt: ADHS und Borderline können sich überschneiden, die Grundlage beider Erkrankungen ist Impulsivität und Tagträumen. Für die Therapie ist die genaue Diagnose nicht so wichtig. ADHS kann man insofern abgrenzen, dass die Unkonzentriertheit stärker ausgeprägt ist und man gleichzeitig an verschiedene Dinge denken kann, sodass die Konzentration nicht auf den Augenblick gerichtet ist, sondern in die Fantasie gezogen wird (ich hoffe, das klingt nicht zu abgehoben). Zur Überschneidung von ADHS mit Depressionen kann ich nicht viel sagen, ich glaube aber schon, dass das so sein kann.


    Wenn man so viel Selbsthass, Verzweiflung u.Ä. in sich trägt, lässt man sich von niemandem helfen, weil man so überzeugt ist, keine Hilfe zu verdienen. Auch ich habe eine Therapie abgebrochen und gelogen, was das Zeug hält, dass es mir besser gehe. Jetzt, Jahre später, habe ich selbst eingesehen, dass es nicht ohne geht. Krankheitseinsicht kommt nicht von außen. Dass sie freiwillig in die Klinik ging, ist schon mal ein guter Schritt in die richtige Richtung. Mich hat die Diagnose auch aus der Bahn geworfen, gleichzeitig half sie mir, mich selbst besser zu verstehen und die richtige Therapie (DBT) zu bekommen.

  • Das (für mich) Erstaunliche ist, dass sie wirklich viel schafft. Wenn sie sich zusammenreißt und WILL. Sie ist ein so herzensguter Mensch - klar, mit Macken -, hat immer noch ihre Träume, steckt sich manche Ziele aber einfach zu hoch.


    Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder in JEDER Entscheidung unterstützt, egal wie abgehoben sie sein mag. Wenn es nicht klappt, haben sie es wenigstens versucht. Klappt es, ist das genial! Und meine Tochter hat so viel geschafft... Einen guten Realschulabschluss, die 11. Klasse an der FOS... Sie wollte abnehmen und Sport machen und ist seit fast zwei Jahren mehrmals wöchentlich im Fitness-Center. Sachen, die ihr Spaß machen, zieht sie durch.

    Ihre Beziehung hält mittlerweile seit mehr als zweieinhalb Jahren und sie hat ein zartes Händchen bei Tieren.


    Und ja, das mit dem "Abdriften" bei der Konzentration kenne ich ja auch gut genug von mir. Meine Töchter sagen dann immer, ich gucke, als wär ich wo ganz anders (was auch irgendwie stimmt). Ich hab mal versucht, meiner Tochter das ADS als "Gabe" nahe zu bringen. Sie kann etwas tun und bekommt gleichzeit alles um sich herum mit. Mit der Zeit lernt man, sich auf das zu konzentrieren, was jetzt gerade getan werden muss, ein Teil im Kopf ist aber trotzdem bei all dem, was da um einen herum passiert. Und dieser kleine Teil lernt eben mit der Zeit, was er sich merken muss und was Müll ist.

    Aber bei sowas ist alles, was Mutter sagt, natürlich... naja... ein Augenrollen wert... Ich hoffe dann immer nur, dass sie sich später mal an all das erinnert, was ich ihr mitgeben wollte.