Soll man es zugeben? - Psychische Erkrankungen & der Arbeitgeber

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Soll man es zugeben? - Psychische Erkrankungen & der Arbeitgeber

      Ein kleiner Artikel zum Thema:


      Soll man es zugeben?


      VON ANJA REITER
      Noch immer ist es schwierig, dem Arbeitgeber eine psychische Erkrankung mitzuteilen. Dabei gibt es klare Regeln.





      Soll man es zugeben? - academics

      Aus DIE ZEIT :: 08.10.2015

      " »Wenn man merkt, dass manmit der Arbeit nicht mehr zurechtkommt,sollte man darübersprechen«, sagt Hegerl. Voreinem Outing sollte man aberabwägen, wie gut die Arbeitsatmosphäreund wie offen dasTeam sind. Coach CarstenBurfeind rät Betroffenen, erstzu überlegen, ob sich die Arbeitsbedingungenauf das Entstehender Krankheit ausgewirkthaben. Haben der Druck,die Unsicherheit oder die Atmosphäre in der Arbeitdie Krankheit mitverursacht? Dann müsse ineinem Gespräch mit dem Vorgesetzten um Verständnisgeworben und über Veränderungen nachgedachtwerden. Solange der Auslöser aber nichtder rücksichtslose Chef oder die nicht zu bewältigendeArbeit sei, sieht Burfeind vorerst keinenGrund, mit seinem Vorgesetzten über seine psychischeKrankheit zu sprechen. Denn am Arbeitsplatzist niemand dazu verpflichtet, über eine konkreteDiagnose Auskunft zu geben - sei es Diabetes,Aids oder eben eine Depression."

      " Wenn der betroffene Mitarbeiterkeinerlei Bereitschaft zeigt, sich helfen zu lassen,dürften Vorgesetzte auch signalisieren, dass derArbeitsplatz dadurch gefährdet ist. »Das kann sogarein heilsamer Impuls sein«, sagt Müller-Rörich.Psychiater Hegerl sagt: Überfürsorge vonseitender Vorgesetzten kann genauso kontraproduktivsein wie Überforderung. Depressive brauchtenWertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit;sie zu sehr zu schonen sei nicht zielführend. Arbeithabe mitunter sogar eine therapeutische Wirkung.»Sie kann Kranken helfen, schneller gesund zuwerden, indem sie Struktur schafft«, sagt Hegerl.Neben der Sorge um den erkrankten Mitarbeiterdürfen Vorgesetzte auch die Fürsorgepflicht für dieKollegen des Betroffenen nicht vernachlässigen - einschwieriger Spagat. Auch sie leiden unter der negativenAtmosphäre am Arbeitsplatz, müssen mitunterZusatzarbeiten übernehmen oder spontan für denerkrankten Mitarbeiter einspringen. "

      vielelicht für den ein oder anderen hilfreich :)

      Was ich am Artikel blöd finde: Klare Regeln? Ich finde keine...
    • Ja, ich finde auch keine klaren Regeln. Eigentlich sagt er doch auch aus: Sagt es lieber nicht, sonst seid ihr der Buh-Mann. Arbeitet lieber noch mehr, vlt bekommt ihr dann eure Anerkennung und Lob.
      ...oder einen Burn out.
      "Drum prüfe wer sich ewig bindet. Ob sich das Herz zum Herzen findet."

      ..."Das Lied von der Glocke"; von Friedrich von Schiller
    • Ich finde dort auch keine klaren Regeln, außer dass man nicht verpflichtet ist, etwas zu sagen.
      Ich finde es auch fragwürdig, dass man die Krankheit verschweigen soll. Da bevorzuge ich lieber einen offendn Umgang...
      Klar muss man keine Diagnosen nennen, aber wenn man gut mit ddm Chef und den Kollegen klar kommt, spricht doch nichts dagegen, wenn man offen damit umgeht?!

      Ich jedenfalls verschweige es nicht. Gut, ich habe erwähnt, dass ich mit der Therapie soweit durch bin und stabil bin. Trotzdem war es mir wichtig, dass mein Chef Bescheid weiß.
      Erstens erklärt das meine Lücken im Lebenslauf, und zweitens habe ich dadurch bemerkt, dass ich von ihm auf jeden Fall Unterstützung bekomme.

      Es ergab sich letzens sogar ein sehr nettes Gespräch über Möglichkeiten für mich, mich fortzubilden. Und ich bekam direkt die Rückmeldung, dass man mir gar nicht anmerkt, dass ich psychische Probleme habe - im Gegenteil, ich soll aus seiner Sicht unbedingt in dem Bereich bleiben und weiter unterrichten.
      Die Schüler jedenfalls sind zufrieden.

      Liebe Grüße
      Die Eiskönigin
    • Ich würde es dem Arbeitgeber nicht unbedingt auf die Nase binden.
      Hätte dabei zu viel Angst eine (mitleidige) "Sonderbehandlung" zu bekommen, nur weil ich krank bin.

      Die einzigen die bei mir in der Arbeit von einem kleinen Teil meiner psychischen Probleme erfahren haben, sind vereinzelte Kollegen, zu denen ich über Monate hinweg erstmal ein stabiles Vertrauen aufbauen musste, um mit ihnen über sowas reden zu können und bei denen ich mir daher sicher sein kann, dass es nicht gleich weiter erzählt wird und die Runde macht.
    • Prinzipiell rate ich davon ab mit solchen Dingen hausieren zu gehen. Sie zählen zur Privatssphäre, diese gehört geschützt.

      Ich hielt Offenheit diesbezüglich auch einmal für eine gute Idee. Doch sie bringt nicht wirklich was. Meine engsten Vertrauten erzähle ich natürlich von meinem "Anderssein". Doch ich erwarte davon nichts, außer an geeigneter Stelle sagen zu können :"Das ist meine Sache. Du verstehst das nicht, wenn Du nicht so bist" . Ein Freund ist derjenige, der diese Aussage respektiert und nicht weiter bohrt bzw. sich nicht berufen fühlt Ratschläge zu erteilen, die nichts weiter sind als Phrasen.

      Letztens war ich mit einem Kollegen fort, der bald dort aufhört, wo ich arbeite. Er wollte, das ich seinen Posten übernehme. Ich sagte ihm das geht nicht, weil ich bald für längere Zeit in eine Klinik gehe. Das wollte er nicht wahrhaben. Er fing an damit, dass er ja weiß, dass ich Borderliner bin ( das hatte ich ihm bei einem vorherigen Gespräch diesbezüglich mitgeteilt), aber gar nicht so wirke. ( Wie hat man als Borderliner zu wirken?) Ich würde nicht den Eindruck vermitteln Probleme zu haben. Außerdem müsste ich dann ja auch Depressionen haben, was er mir nicht glauben könne, da ich ja den Eindruck mache....Darauf sagte ich, dass ein Psychiater mir gerade Depressionen attestiert hatte und brach das Gespräch ab, da es keinen Grund gab etwas zu beweisen.


      Jedes Unternehmen ist anders. Doch in der Regel ist der Erwartungsdruck dem man dort begegnet größer als das Verständnis dafür diesem nicht gerecht zu werden. Was erwartet man davon seinen Vorgesetzten von seiner Störung zu erzählen ? Verständnis ? Eine Sonderbehandlung ? ich glaube nicht, dass jemand der nicht von Borderline betroffen ist, bzw. professioneller Therapeut/Psychiater tatsächlich verstehen kann. Im Gegenteil. meist führt diese Form der "Beichte" dazu, dass sich das Gegenüber dafür um so "normaler" vorkommt. Dabei kann es selbst sehr wohl sehr behandlungsdürftig sein. Bsp. wegen Narzissmus... Doch wieso sollte sich etwas in Behandlung geben, dass doch augenscheinlich "Erfolg" hat ? Menschen, die Karriere machen tun dies i.d.R. nicht aufgrund ihrer altruistischen Feinfühligkeit.

      Ich denke ein Outing führt im schlimmsten Fall zu einer Stigmatisierung, die dem Betroffenen seine Mündigkeit raubt, bzw. zu einer Verharmlosung ("Du wirkst aber ganz normal"), die im schlimmsten Fall, wenn man tatsächlich Hilfe braucht ("So schlimm wird es doch nicht sein...) alles andere als nützlich ist...
    • Ich bin auch eher skeptisch und würde das auf der Arbeit auch nur insoweit weitererzählen, wenn ich jemandem wirklich vertraue und ein gutes Verhältnis zu demjenigen habe. Und das habe ich zu Chefs irgendwie nie... ich gehe Autoritäten prinzipiell lieber aus dem Weg :D Schon alleine deshalb wäre es für mich unvorstellbar, da über so etwas intimes mit ihm/ihr zu sprechen.

      Aber wenn du ein gutes Gefühl dabei hattest, Eiskönigin, war es sicher die richtige Entscheidung für dich. Und wie du siehst, hat dein Chef sogar positiv reagiert.

      Ich hätte auch die Befürchtung, eine Sonderbehandlung zu bekommen, oder halt komisch angesehen zu werden von manchen. Vor allem hätte ich die Befürchtung, dass man mir mein Urteilsvermögen abspricht und mich nicht mehr ernst nimmt. Das ist ja ein Todesurteil in der Arbeitswelt...
    • Ach stimmt, das fällt mir gerade ein dazu : ich habe gestern so ne Studie gelesen, da ging es um das "öffentliche Bild" in Bezug auf psychische Krankheiten, speziell um Depressionen und wie negativ sich das ganze verändert hat seit diesem Flugzeugabsturz...

      Da ging und geht es ja teilweise auch um "Berufsverbote" für psych. Erkrankte und dergleichen. Das sind schon krasse Vorurteile, denen man sich zu stellen hat.
    • Du bist nicht verpflichtet deinen Arbeitgeber auch nur über irgendeine Diagnose zu informieren. Es sei denn, dass sie deine Arbeitsleistung einschränkt/gefährdet.
      Diabethiker, Epileptiker... die MÜSSEN es sagen, damit der Arbeitgeber sich auch im Falle eines Falles darauf einstellen kann. Aber was psychische Erkrankungen angeht wäre ich sehr vorsichtig. Man wird leider heutzutage sehr schnell abgestempelt: "Ah, psychische Erkrankung? Die ist sicher oft krank und kaum belastbar!"
      Wenn man ein gutes Gefühl hat und nach reiflicher Überlegung (zusammen mit dem Therapeuten?) sich dazu entschließt sich dem Arbeitgeber "zu outen" reicht es auch aus, wenn du angibst ab und an unter Depressionen zu leiden. Das reicht vollkommen! Selbst das ist manchmal sogar noch zu viel.

      Bei meinem aktuellen Arbeitgeber habe ich nach ein paar Wochen meinen Schwerbehindertennachweis gezeigt mit den 30% und der Begründung "Persönlichkeitsstörung". Dazu habe ich versichert, dass ich meine Grenzen kenne und mir entsprechende Handlungsmaßnahmen diesbezüglich bekannt sind. Der Begriff "Borderline" ist nicht gefallen, aber man hatte schon gemerkt, dass ich empathischer/emotionaler bin als andere.
      Ich gehe offen damit um in Therapie gewesen zu sein, dass ich Medikamente nehmen da ich es als Stärke ansehe. "Sieht her, ich habe zwar Probleme, aber ich kümmere mich darum!"
      Ich weiß das ich gut bin und
      das lass ich mir durch nichts und
      niemanden kaputt machen.

      Auch ich darf Fehler machen,
      weil Fehler menschlich sind.
      :blume auf:
    • Vielleicht merken die Kollegen oder gar dein Arbeitgeber in einer flachen Hierarchie, dass du nicht so bist, wie die anderen. Möglicherweise interessiert es sie, möglicherweise auch nicht. Wenn ein sehr strenges leistungsmotiviertes Arbeitsklima herrscht, eventuell auch mit Mobbing durchzogen ist, dann würde ich eher nichts sagen. Sollte dein Arbeitgeber der traditionelle Typ oder älter sein, mit Arbeitszeiten "from nine to five", dann wäre es vermutlich auch besser, das für dich zu behalten oder wenn alles ländlich geprägt ist. Sieh' dir an, wie er mit seinen Mitarbeitern umgeht, ob er auf sie eingeht, auch versucht, sich ihnen anzupassen oder ob es ihm nur um Leistung geht. Das müsste dann die Entscheidungsgrundlage bilden.

      Mein Hausarzt weißt mittlerweile, dass ich Borderliner bin und meine Kommilitonen sind doch eher aufgeschlossen mir gegenüber, bis verständnisvoll. Aber ich weiß auch nicht, was sie über mich denken, ob sie wissen, was mit mir nicht stimmt oder ob sie mich beispielsweise einfach nur für depressiv halten, was im Winter sein kann und im Sommer eher einer manischen Phase entspricht. Das etwas nicht stimmt, werden sie mitgekriegt haben. Sieht man noch immer von einer Tabuisierung ab, dann kann die Diagnose in ihren Augen doch spekulativ sein. Ich erwarte mir nicht immer, das andere mein Verhalten verstehen werden.
    • Was auch noch problematisch ist, ist das Halbwissen, das verbreitet ist und mit einem selbst dann verknüpfen, wenn man ihnen erklärst, was man hat. Es kann sein, dass das Gesagte weitererzählt wird. Vielleicht wissen es dann Personen, die man selbst gar nicht kennt oder es kommt etwas ganz anderes heraus, wie beim Kinderspiel "Stille Post".