Vergebung!?

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    • Vergebung!?

      Hallo liebes Forum,

      ich hatte gestern per Whatsapp eine interessante Diskussion mit einer alten Arbeitskollegin zum Thema Vergebung.
      Mich lässt das Thema seitdem nicht mehr los. Ich habe viel dazu im Internet gelesen, bin auch auf einen ganz interessanten Text gestoßen, der mich sehr angesprochen hat.

      Mythos der Vergebung - netzwerkB | netzwerkB

      Ich selbst habe häusliche Gewalt erfahren, auch sexualisierte Gewalt. Mein Vater hat mir einige Jahres meines Lebens teilweise zur Hölle gemacht.
      Er selber ist sich keiner Schuld bewusst, er zeigt bis heute keine Reue. Paarmal habe ich versucht wieder einen normalen Kontakt herzustellen, doch bin ich immer wieder daran gescheitert, weil sich Demütigungen etc. wiederholten und keine Einsicht da war. Es ging einfach weiter, wie es angefangen hatte.
      Deswegen kann ich bis heute nicht vergeben. Ich habe nun schon ein paar Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm und das ist auch gut so.
      Meine Kollegin hat mir mit ihrer Aussage, dass Vergebung die einzige Lösung sei ziemliche Gewissensbisse gemacht. Ich habe keine Wut, haben keinen Hass mehr auf ihn, doch vergeben kann und will ich auch nicht, vielleicht auch (noch) nicht. Anders wäre es, wenn er sich seiner Schuld bewusst wäre, denke ich.

      Wie denkt ihr darüber?
      Du bist das Licht in meinem Leben. Wir freuen uns auf dich. :love, love: :schlafen:
    • Ja, das Thema ist oft präsent. Es gibt auch Bücher darüber und noch öfter liest oder hört man Berichte.

      Dass Vergebung die einzige "Lösung" sei, ist eine der populärsten Behauptungen, wenn es um dieses Thema geht.
      Das hat auch einen Grund: Nicht alle, die von sich behaupten, sie hätten vergeben, haben tatsächlich vergeben.
      Das heißt nicht unbedingt, dass sie bewusst lügen. Nein. Viele machen sich was vor und glauben tatsächlich, sie hätten vergeben. Denn vergeben kann entlasten.

      Was macht man aber, wenn man nicht vergeben kann und will?
      Nun, eine weit verbreitete "Lösung" ist, sich selbst mit Überzeugung vorzumachen, man hätte vergeben.
      Da dies aber eine Lüge sich selbst gegenüber ist, muss sie fortan verteidigt werden. Deswegen treten solche Leute auch oft mit einiger Vehemenz dafür ein, dass man vergeben muss, um Frieden zu finden.
      Solange sie sich selbst belügen, so lange müssen sie diese "Wahrheit" überall "verkünden".

      Ansonsten, ich finde, jeder muss selbst herausfinden, ob er/sie vergeben kann oder nicht.
      Diese Auseinandersetzung lohnt sich.

      Davon, es sich leicht zu machen und (sich) zu sagen, "Ich vergebe nicht. Punkt.", davon halte ich auch nicht viel.
      Man soll sich stellen. Denn nur dann kann man auch sich alles mögliche anhören, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man sich damit umfassend und in allen Facetten auseinandergesetzt hat.
      Dann erst können die Leute sagen, was sie wollen.
      Entweder sagen sie es so leicht daher oder sie sind einer derer, die sich was vormachen usw.

      Die offene - schonungslose! - Auseinandersetzung mit dem eigenen, persönlichen Fall hat auch den Vorteil, dass man keine Angst mehr von dem "Urteil" der Leute zu haben braucht - schlicht, weil man das ganz ehrlich und offen mit sich selbst ausgemacht hat und dann niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist und schon gar nicht irgendwelchen Leuten, die andere Interessen verfolgen, als die, die sie vorgeben, zu tun.
    • Hallo Unvergessen,

      für mich gehört "Vergebung" zu den wirklich großen Begriffen im Leben! Und es ist entsprechend schwer, einen vernünftigen Beitrag über dieses Thema zu schreiben, ohne nicht Gefahr zu laufen, mehr wesentliche Aspekte wegzulassen als aufzugreifen. Und bevor ich inhaltlich werde, ist es mir wichtig zu erwähnen, dass ich in meinem bisherigen Leben nicht bloß über das Thema "Missbrauch" theoretisiert, sondern auch einen ganz nahen Bezug dazu habe.

      Sicher ist es der wünschenswerteste (und relativ betrachtet auch der "einfachste") Fall, wenn der Verursacher eines schlimmen Leidens reuig ist und dem Betroffenen seine aufrichtige Reue auch mitteilt und zeigt. Und bereits an dieser Stelle beginnt es, sehr kompliziert zu werden, da es als Schuldiger unheimlich schwer ist, dem Betroffenen glaubhaft zu machen, dass seine Reue auch wirklich aufrichtig ist! Denn dem müsste mindestens mal ein Schuldbewusstsein, ein Bewusstsein über den Umfang des Leidens, welches er verursacht hat und eine tiefe (eine wahre) Erkenntnis hinsichtlich dessen, dass sein - bis dahin währendens - Handeln einer grundlegend falschen Maxime folgte, vorangehen!

      Soweit der "einfachste" Fall (... und dieser bis zu diesem Punkt auch noch vollkommen allgemein, stark verkürzt und im Konjunktiv gehalten - denn in dem, was Dir widerfahren ist, spielen ja ganz andere Tatsachen eine Rolle).

      Dein Vater will oder kann seine Schuld (wieder einer dieser großen, extrem umfangreichen Begriffe, die zu gebrauchen im Grunde einer vorangegangenen Differenzierung bedürften) nicht einsehen - und dies erschwert es natürlich um ein Vielfaches für Dich, eine Voraussetzung dafür zu sehen, ihm vergeben zu können oder zu wollen, denn:

      Auch wenn ich Deiner Freundin nicht darin zustimme, dass Vergebung die "einzige Lösung" sei (wobei ich mir an dieser Stelle die Frage stelle, wofür es die einzige Lösung sein sollte), so bin ich doch der Auffassung, dass im "vergeben Können" durchaus eine sehr große Kraft liegt! Denn jede Vergebung ist ein Zeichen von Güte und dem Wunsch nach Frieden. Und jeder, der reinen Herzens vergibt, hat den schwersten Punkt bereits überwunden - nämlich den, das Geschehene akzeptiert zu haben.

      Weiterhin hat derjenige, der vergibt, ebenso den Punkt überwunden, sich rächen zu wollen und sich Vergeltung zu wünschen ... den Täter ebenso leiden sehen zu wollen, wie man selbst gelitten hat. Insofern stärkt und stabilisiert sich der Vergebende selbst, weil er seine Kraft nicht in Wut oder Hass umwandelt und somit nicht in Kanäle leitet, die wiederum ins Nichts (oder schlimmstensfalls sogar in die - möglicherweise niemals enden wollende - Entstehung immer neuen Leidens) führen!

      Entschuldige, wenn ich vorab so viel Allgemeines dazu geschrieben habe. Ich wollte einfach versuchen, dieses äußerst komplizierte und umfangreiche Thema ein klein wenig (auch für mich selbst) zu skizzieren, damit wir uns überhaupt orientieren können, worüber wir eigentlich sprechen.

      Zu Deiner ganz eigenen Situation will ich sagen, dass es meiner Auffassung nach das Wichtigste ist, dass Du Deinen inneren Frieden dabei findest, beziehungsweise wiederherstellst! Denn ich kann hier noch so viel über "Güte", "Akzeptanz" oder die Vermeidung fehlgeleiteter Kräfte schreiben (genau, wie Deine Kollegin auch noch so sehr von der Überzeugung vereinnahmt sein kann, dass Vergebung die einzige Lösung sei), wenn Du Deine ganz eigene und ebenfalls gesunde Art des Umgangs damit bereits gefunden hast.

      Und wenn ich ehrlich bin, dann lese ich auch tatsächlich relativ wenig Spannung und Zerrissenheit aus Deinem Text heraus.

      Unvergessen schrieb:

      Ich habe nun schon ein paar Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm und das ist auch gut so.
      Du hast Dich gut damit eingerichtet ...

      Unvergessen schrieb:

      Ich habe keine Wut, haben keinen Hass mehr auf ihn, doch vergeben kann und will ich auch nicht
      ... Du weißt, wo Deine Grenzen sind und was Du willst ...

      Unvergessen schrieb:

      Anders wäre es, wenn er sich seiner Schuld bewusst wäre, denke ich.
      ... und überdies hast Du trotzdem noch nicht alle Türen endgültig zugeschlagen!

      Meiner Auffassung nach befindest Du Dich bereits auf einem guten Weg, denn (zumindest war das kein Bestandteil Deines Textes) Du haderst nicht mit den Fragen "Warum hat er es getan", "warum musste das mir passieren" und "warum erkennt er nicht, welches Leiden mir das angetan hat". Solche Fragen lassen einen fast immer nur im Kreis laufen und meinen Erfahrungen nach führen sie niemals zu einem befriedigenden Ergebnis.

      Lass' Dir kein schlechtes Gewissen einreden, denn Du "musst" (weder in ethischer, noch in zwischenmenschlicher Hinsicht) überhaupt nichts! Auch nicht "vergeben"!

      Einen ganz lieben Gruß und danke dafür, dass Du diesen Thread eröffnet hast!
      Brüder! Über'm Sternenzelt
      Muss ein lieber Vater wohnen.
      Ihr stürzt nieder, Millionen?
      Ahnest du den Schöpfer, Welt?
      Such' ihn über'm Sternenzelt!
      Über Sternen muss er wohnen.

      (F. Schiller)