Lehrer werden mit Borderline?

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    • Lehrer werden mit Borderline?

      Ihr Lieben,
      ich studiere auf Lehramt für das Gymnasium und beginne ab September mein Schulpraxissemester an einer Schule. Seit Langem schon quält mich die Sorge um meine Zukunft, klappt es doch nur so semigut, Vorlesungen etc zu besuchen. Neben meiner diagnostizierten Borderline-Störung halten mich meine Ärzte für hochsensibel, ich bin und war wegen einer Agoraphobie mit Panikstörung und Depressionen in Behandlung. Meine Symptome sind vor allem der ständige Selbstverletzungsdruck, riesige Gefühlsausbrüche mit Verzweiflung, die ich allerdings nicht nach außen tragen kann. Ich gehöre also nicht zu den Menschen, die Dinge kaputt machen oder schreien oder so. Ich bin nach außen hin immer sehr, sehr kontrolliert und niemand kam je auf die Idee, mit mir könnte etwas nicht stimmen (bis auf meine festen Freunde natürlich..). Trotzdem, vielleicht auch deshalb, leide ich unter ständigem Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Reizdarm-Syndrom etc. Man merkt es mir also nicht an, wieviel Mühe es mich kostet, mit Menschen in Kontakt zu sein. Es kostet mich aber jede Menge Mühe. Natürlich werden jetzt alle denken, du lieber Himmel, warum möchte sie Lehrerin werden? Ja, warum möchte ich das eigentlich? Ich bin kein Karrieremensch, der irgendwann mal viel Geld verdienen und im Beruf durchstarten möchte. Ich gehe mittlerweile auch nicht mehr davon aus, an eine normale Schule mit Beamtenlaufbahn zu gehen (das mit dem Beamtenstatus kann ich ja ohnehin vergessen). Ich möchte aber gerne Lehrerin werden. Das wollte ich schon immer und ich kann mir eigentlich nichts anderes vorstellen. Ich gebe seit Jahren Nachhilfe und kämpfe mich zwar immer noch jedes Mal in den Bus und habe auch währenddessen und danach mit jeder Menge vor allem pyschosomatischen Symptomen zu kämpfen, aber ich mache es trotzdem gerne und mit ganzen Herzen und weiß auch, dass ich wirklich gut darin bin. Ich habe mir mittlerweile mit meiner Therapeutin überlegt, nach dem Studium gar nicht ins Referendariat zu gehen, sondern mich an Privatschulen zu bewerben, an freien Schulen, Waldorfschulen etc. Dort ist es möglich, sich von vorneherein nur auf ein begrenztes Deputat zu bewerben, also nicht Vollzeit zu arbeiten. Momentan mache ich das so, dass ich immer ein paar Tage die Woche Regenerationszeit habe und gar nicht rausgehen muss und mich entspannen kann von den restlichen "Arbeits- bzw. Unitagen". Was also eigentlich meine Frage an euch ist: Gibt es Lehrer unter euch? Wie ist das für euch? Und wie geht ihr damit um? Ich würde mich über einen Austausch mit jemandem, der das, was ich mir so sehr wünsche, schafft oder geschafft hat, sehr freuen. Vielleicht würde mir das ein wenig Mut machen.
      Danke fürs Lesen und auch fürs Antworten :)
    • Hi,

      Ich habe auch lange Zeit mit einem Lehramtsstudium geliebäugelt. Seit September letzten Jahres arbeite ich als Nachhilfelehrerin. Da mir aber der entsprechende Abschluss fehlt, mache ich ab August erstmal meon Fachabitur.

      Im Nachhilfeinstitut wurde ich eingestellt und habe erst nur bis Klasse 10 unterrichtet, bis ich irgendwann aufgrund von Personalmangel auch Kurse aus der Oberstufe übernommen habe. Durch meine Hochbegabung war das kein Problem und hat gut geklappt.

      Ich bin mir noch nicht sicher, was ich mit dem fachabi anstelle. Entweder werde ich soziale Arbeit studieren oder (und das wäre vielleicht auch etwas für dich?) ein Fernstudium machen und mich zur Therapeutin für Legasthenie und Dyskalkulie qualifizierten. Dann würde ich vormittags Schulbegleitung für ein behindertes Kind machen und nachmittags bei der Nachhilfe arbeiten.

      Bei mir macht sich die Störung auch nur in Form von Gedanken und gelegentlicher Anspannung bemerkbar. Ich habe mich allerdings dazu entschieden, noch ambulant Therapie zu machen. Diese läuft noch bis August und wahrscheinlich werde ich daraus auch stabil entlassen, sodass ich danach keine Therapie mehr brauche.
      Spätestens wenn ich ins Berufsleben einsteige ist mir das wichtig. Ich achte jetzt schon enorn darauf, dass mir genügend Zeit zum Entspannen bleibt, damit ich meine Stabilität erhalte.
      Wenn es mir nicht so gut geht, könnte ich es nicht verantworten, mit den Kindern zu arbeiten. Im Zweifelsfall würde ich mich dann doch lieber krank melden. Dennoch musste ich mich wegen meiner Psyche nun schon seit genau einem Jahr nicht mehr krank schreiben lassen. :)

      Ich hoffe, ich konnte dir etwas helfen.

      Liebe Grüße
      Eis
    • Danke für deine Antwort. Ich mache auch zurzeit noch eine ambulante Therapie, zweimal wöchentlich. Ich gedenke auch erstmal nicht, damit aufzuhören, meine Therapeutin meint, ich würde noch viele Therapien danach genehmigt bekommen, da solle ich mir keine Sorgen machen.

      Das mit dem Thema Soziale Arbeit wäre natürlich auch etwas für mich gewesen. Ich studiere allerdings auf gymnasiales Lehramt, hab also (leider) kaum pädagogische Ausbildung, sondern tatsächlich nur fachliche. Das finde ich auch gut, weil ich meine Fächer liebe und mir nichts lieber vorstellen könnte als mein ganzes Leben lang Schüler mit Gedichtsinterpretationen zu nerven :D
      Außerdem bin ich mir nicht sicher, inwiefern ein Lehramtsstudium weniger belastend sein sollte als etwas im Bereich der Sozialen Arbeit zu machen. Selbst traumatisiert zu sein, kann zwar unfassbar viel möglich machen, bestimmt bin ich für manches sensibler als andere und kann manches besser nachvollziehen. Genau hier liegt aber auch der Punkt: Ich glaube, das würde ich nicht aushalten. Ich werde natürlich auch so mit Kindern zu tun haben und Belastbares erfahren, nur in einem ganz anderen Ausmaß.

      Was du oben geschrieben hast, dass du das nicht verantworten könntest, mit Kindern zu arbeiten, wenn es dir nicht gut geht... Das beschäftigt mich ein wenig. Weil, im Grunde geht es mir nie wirklich richtig gut. Es geht mir zwar gut, aber ich hab zum Beispiel wirklich mit dauerhaftem Schwindel und immer wieder leichter Übelkeit zu kämpfen, schon seit Jahren. Ich hab auch wenig Hoffnung, dass das mal ganz weg geht. Für mich klingt das nur fast so ein bisschen, als wäre es unverantwortlich den Kindern gegenüber - aber, wenn das doch niemand merkt? Ich gebe manchmal auch in den aufgelöstesten Zuständen Nachhilfe, weil die Busfahrt wieder einmal höllisch schwierig war und ich habe nie das Gefühl, dass das was an der Qualität der Nachhilfe verändert. Irgendwie kann ich mich immer zusammenreißen, egal, wie sehr ich grade in meinem Kopf die ganze Zeit denke: Oh Gott, diesmal muss ich vielleicht echt raus, ich muss mich übergeben oder ich kippe vom Stuhl. Oder was genau meintest du damit?

      ... Sonst keine Lehrer hier mit Borderline? Kennt ihr Lehrer, die Borderline haben? Oder ist das so wahnsinnig, dass es das einfach nicht gibt? :/
    • Hallo @fraunana

      Also ich finde es sehr stark, das du aufgrund das du mit der Störung lebst, in den Lehrer Beruf möchtest :) .
      Jedoch würde ich dir dringend Raten nicht von deiner BPS Störung deinem zukünftigen Chef zu erzählen.
      Denn die meisten reagieren sehr genervt auf kranke Mitarbeiter.
      In diesem Fall darf man ja auch noch die Notlüge einsetzen.

      Für dein Studium wünsche ich dir viel Kraft und ein gutes Durchhaltevermögen :) Das wird hart, wenn es nicht schon so ist :)

      alles liebe Chillipepper
    • Ich bin Lehrerin und das seit 18 Jahren, habe aber erst dieses Jahr die Borderline-Diagnose erhalten,

      Du hast recht, den Beamtenstatus kannst du vergessen, da du direkt gefragt wirst in einem Fragebogen, ob psychische Erkrankungen und deren Behandlung jemals (!) vorlagen. Wenn du hier lügst, kann dir der Beamtenstatus im Nachinnein aberkannt werden und du zahlst die Bezüge zurück.

      Da wird sicherlich sehr genau hingeschaut werden, wie gut du krank bist.

      Was mir zu denken gibt, ist, dass du Probleme mit Menschenmassen hast. Die gibt es an der Schule nämlich reichlich und Erholungsphasen gibt es kaum bis gar nicht, weil du ständig angesprochen wirst.

      Es ist etwas ganz anderes, wenn du einen Kind Nachhilfe gibst als wenn du 31 Schüler vor dir hast.

      Ich hatte anfangs viel Spaß am Unterrichten, mit den Schülern kam ich immer gut klar, aber ich hatte/habe immer mit den Schulleitungen Probleme gehabt. Denn im Schulalltag wird darauf keine Rücksicht genommen, ob du sechs, sieben Stunden hintereinander unterrichten kannst oder nicht.
      Genau das habe ich als immer stärker werdende Belastung empfunden.

      Du kannst auch an öffentlichen Schulen in Teilzeit arbeiten, dies ist aber wenig Gehalt für sehr viel Mühe (bei einer Vollzeitstelle Beamter vs. Angestellter sind da 1.000 Euro netto!).
      Privatschulen haben das Problem, dass sie sehr kundenorientiert sind, d.h. Eltern und Schüler haben mehr Eingriffsrechte und wenn du diese nicht umsetzen kannst, kannst du ganz normal entlassen werden (übrigens- willst du Walddorflehrer werden, brauchst du noch ein Aufbaustudium, welches du aus eigener Tasche bezahlen musst).

      Ich würde dir raten, dich für einen Lehrauftrag zu bewerben. Das kann jeder machen, der auf Lehramt studiert. Du verdienst Geld, unterrichtest deine Fächer und lernst viel hinzu, was im Referendariat wichtig ist und erwirbst nebenbei Zeiten, die dir auf dein Gehalt angerechnet werden.
      Das Wichtigste aber ist, dass du erfährst, ob das Unterrichten etwas für dich ist, weil du ganz alleine vor den Klassen stehen wirst. Wenn dir das schon zu viel ist, empfiehlt sich kein Referendariat.
    • Das Referendariat ist eine psychisch höchst anstrengende Zeit mit permanentem Druck. Eine echte Hürde.
      Ich glaube, im späteren Job ist das Unterrichten nicht so sehr das Problem, eher die "Begleitumstände". Auch an Gymnasien gibt es Kinder mit krassen Geschichten, die einen sehr belasten können. Als Lehrer ist es ganz wichtig, diese Schicksale in der Schule zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen.

      Du solltest dir vorher gut überlegen, ob es Schicksale gibt, die dich triggern können und ob du eine große Empathie mitbringst. Letzteres ist eine Grundvoraussetzung für den Lehrerberuf. Gerade die pädagogische Ausbildung ist ganz wichtig, denn Achtklässler haben nicht unbedingt Bock auf Gedichtinterpretationen ;) Wie man sie dennoch motiviert und begeistern kann, hat viel mit Pädagogik, Didaktik und Empathie zu tun.